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    Frauen und Schuhe – eine (Liebes) Erklärung…

    farbige Schuhe beste Freunnde

    Für das Schild Journal, Herbst / Winter 2015, durfte ich eine Kolumne schreiben, über Frauen und ihr Verhältnis zu Schuhen:

    Es ist jedes Mal dasselbe: Ich möchte mir eine neue Hose kaufen oder ein schönes Kleid – und nach Hause komme ich mit neuen Schuhen.

    Männer haben logischerweise Mühe mit dem Verhältnis von Frauen zu Schuhen. Sonst würden sie Bemerkungen wie: „Aber solche hast du doch bereits“ oder, noch unpassender: „Wozu brauchst du schon wieder neue Schuhe?“ gar nicht erst machen. Was soll man darauf als Frau schon entgegnen? Darum geht es nicht. Abgesehen davon schätzen es Männer doch auch, wenn Frauen in hohen Schuhen mit ihnen ausgehen, sind Absätze doch eines der stärksten erotischen Signale, die eine Frau aussenden kann. Ich habe eine Theorie, worauf die innige Beziehung zwischen Frauen und Schuhen fusst: Passende Schuhe zu finden geht nämlich fast immer. Geht eine Frau einkaufen – und dabei spielt es keine Rolle, was sie eigentlich finden möchte – liegt die Vorstellung, ohne pralle Einkaufstaschen nach Hause zu kommen, zwischen unbefriedigend und frustrierend. Nicht umsonst heisst es auf Englisch „retail therapy“, therapeutisches Einkaufen.

    Während die Kleidergrösse einer Frau zwischen 34 und 48 schwanken kann – das meine ich nicht nur gewichtsbezogen, sondern auch wegen der unterschiedlichen Interpretation von Grössen: Leggings müssen eng sein, Sweatshirts nicht –, ist die Schuhgrösse die einzige Konstante im ihrem Leben und in ihrer Garderobe. Seit ich vierzehn bin, trage ich Schuhgrösse 40. Und ich gehe davon aus, dass das auch in Zukunft so bleiben wird. Das macht die Sache einfach, sehr einfach. Nehmen wir an, ich kann zum Beispiel meine Mission „Finden eines neuen Oberteils zum Auswärts – essen gehen mit einem befreundeten Paar im schicksten Restaurant der Stadt“ nicht erfüllen. Weil dieses an sich schöne und passende Oberteil, das ich probiert habe, in Grösse 36 zu knapp ist, in Grösse 38 nicht erhältlich und in Grösse 40 . . . Ich bitte Sie, Grösse 40 trage ich nicht zum Ausgehen! Dann kaufe ich mir wenigstens ein Paar neue Schuhe. In Grösse 40, die passen wie die Butter aufs Brot und fühlen sich auch an wie Butter am Fuss. Mission accomplished.

    Was nützen dagegen schon vernünftige Einwände, etwa, dass der Schuhschrank bereits zum Bersten voll sei? Nichts. Es ist schliesslich, denke ich, der geheime Wunsch jeder Frau, ein eigenes Schuhzimmer zu besitzen. Und wer weiss, vielleicht führt der Weg zu diesem Ziel über viele Einkäufe und viele Diskussionen mit dem Liebsten, wo es allenfalls noch ein Plätzchen gibt für die neuen, wirklich schicken schwarzen High Heels, die zugegeben ähnlich aussehen wie die zwölf Paar schwarze High Heels, die man bereits hat – aber eben nur auf den ersten Blick. Es gibt so viele und so unterschiedliche Stile, dass es für eine Frau unmöglich ist, sich auf zehn Paar Schuhe zu beschränken, wie Schuhmachermeister Huwyler dies auf Seite 70 rät. „Zwei Paar Businessschuhe, zwei Paar Freizeitschuhe sowie zwei Paar für besondere Anlässe“, sagt er. So etwas kann, mit Respekt, wirklich nur ein Mann sagen. Und für Männer, denke ich, stimmt es sogar. Obwohl es auch Männer gibt, und zwar gar nicht so wenige, die Turnschuhe, Sneakers genannt, sammeln. Soll das mal jemand verstehen …

    Aber bei Frauen, die etwas komplizierter sind, muss man schon differenzierter vorgehen. Beim Ausüben meines Berufs – ich bin Stylistin –, aber auch, wenn ich mich selber kleide, beginne ich unten und arbeite mich nach oben vor, das heisst: shoes first. Wo gehe ich hin? Wie weit werde ich auf dem Weg dorthin zu Fuss gehen? Gibt es einen Dresscode? – Welches Kleidungsstück verdient bei der Beantwortung solcher Fragen mehr Aufmerksamkeit als der Schuh? Keines, denn ein Schuh ist mehr als ein Kleidungsstück. Ein Schuh sagt mehr als tausend Röcke oder Blusen. Am Anfang war der Schuh, könnte man sagen. Und manchmal bedeutet der Schuh auch das Ende eines Abends oder Tages. Er kann behindern. Er kann drücken oder bequem sein wie ein ausgelatschter Schuh. Der Absatz kann so hoch sein, dass man damit kaum einen halben Meter schafft, oder er kann, bei Ballerinas beispielsweise, aus einer reifen Frau ein junges Mädchen machen. Schuhe tragen uns im wahrsten Sinne des Worts durchs Leben. Sie bestimmen mit, wie wir wahrgenommen werden oder wie wir wahrgenommen werden wollen. Und das wechselt nun mal häufig – wie die Stimmung einer Frau.

     

    Bild: GIAN MARCO CASTELBERG (Gehrock, CHF 399.90, Hose, CHF 179.90, T-Shirt, CHF 69.90, alles von NAVYBOOT)

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